Olivenbäume in Not: Mit der Kettensäge gegen Xylella

5. Februar 2021 | Allgemein

Die Olivenhaine des Salento müssen der Garten Eden gewesen sein, bevor die Olivenbaum-Krankheit zuschlug: Trockenmäuerchen, Trulli, zwischen den Olivenbäumen kleine Gemüsefelder, auch im Winter noch blühende Blumen wohin das Auge blickt. Zehn Millionen Olivenbäume gab es im Salento, von vielen Familien in kleinen Hainen über Generationen gehegt und gepflegt.

Doch Xylella fastidiosa, auch das Feuer-Bakterium genannt, hat 80 Prozent aller Bäume befallen und viele verdorren lassen. Denn die Krankheit blockiert die Wasser- und Nährstoffversorgung der Bäume.

Schon als ich im November 2020 von der Küstenautobahn bei Brindisi nach Lecce abbiege, sehe ich links und rechts der Schnellstraße riesige, tote Haine: Oliven-Bäume, die Wahrzeichen des Salento, recken die dürren grauen und schwarzen Äste in den Himmel wie Opfer eines Krieges. Über manchen Bäumen hängen noch graue Netze: Der vergebliche Versuch, das von Insekten übertragene Bakterium abzuwehren. Es ist ein schrecklicher Anblick, viele dieser Bäume sind hunderte Jahre alt oder gar 1.000.

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Düstere Aussichten für die Olivenhaine des Salento: Die Feuerkrankheit wütet

Das Xylella-Bakterium, übertragen von der Schaumzikade, ist das Corona-Virus der Olivenbäume. Höchstwahrscheinlich mit einer verseuchten Zierpflanze aus Mittelamerika importiert, bedroht es die Existenz der Produzenten des berühmten apulischen Olivenöls. Der Schaden geht in die Milliarden Euro. Im Salento, zwischen Gallipoli und Lecce, trat es 2013 zum ersten Mal auf. Seitdem bewegt es sich scheinbar unaufhaltsam immer weiter gen Norden. Derzeit ist es bei Bari angelangt. In der Toskana sind die Olivenbäume noch grün, dort zittert man vor der Ankunft von Xylella.

40 Prozent der gesamten italienischen Öl-Produktion kamen zuvor allein aus Apulien. Wegen des Bakteriums sank der Ertrag mancher Großbauern um 80 Prozent. Nun werden nahezu im ganzen Salento die befallenen Bäume abgesägt und dann mit Stumpf und Stiel herausgerissen. Ein Kettensägen-Massaker im Olivenhain. Am Wegesrand liegen die Jahrhunderte alten Riesen aufgestapelt, wie in Elefantenfriedhöfen. Die Zikaden als Überträger werden mit der chemischen Keule bekämpft.

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Friedhof der alten Olivenbäume: Mit den Wurzeln heraus gerissen

Doch das Abholzen hat sich in diesem Sommer gerächt: Die Hitze war enorm, auch wegen des fehlenden Schattens der Baumkronen, die Erde knochentrocken und Brände häufig. Die Haine sind die grüne Lunge des Salento. Das flächendeckende Fällen fördert auch die Erosion.

Es gäbe keine andere Lösung, sagen verzweifelte Oliven-Bauern. Nach Jahren der Tatenlosigkeit in Schockstarre und des Widerstandes gegen Rodungsbefehle aus dem fernen Rom, pflanzen sie die Haine nun neu. Das wird von der EU und der italienischen Regierung gefördert. Allerdings ausschließlich mit zwei Arten, die sich im Laborversuch als resistenter gegen das Bakterium erwiesen haben: Favolosa und Leccino.

Auch der Großproduzent Santo Ingrosso, Präsident einer Olivenproduzenten-Kooperative, pflanzt in großem Maßstab neu. Nur so habe die Olivenölproduktion im Salento eine Zukunft, meint er. Die kleinen Familienhaine müssten verschwinden, die Trockenmauern fallen, man brauche große Strukturen, um maschinell ernten zu können. Nur so könne der Salento gegen die Konkurrenz in China bestehen, die den Markt mit Billigöl überschwemmt.

Das wäre das Ende der traditionell kleinteiligen Ladwirtschaft im Salento. Menschen wie dem Chemiker und Musiker Giorgio Doveri stehen die Haare zu Berge, wenn sie so etwas hören. Doveri arbeitet mit in einem alternativen Wissenschaftskomitee einer Umweltgruppe.

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Giorgio Doveri: Pharmazeutischer Chemiker und Musiker in Lecce
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Abholzen und neue Monokulturen schaffen? Nein danke! Ingrid und Vito glauben an Alternativen

„Manu Manu Riforestal“ verfolgt einen ganz anderen Ansatz erzählen mir Ingrid Simon und ihr Mann Vito Lisi, Präsidentin und Vizepräsident der Gruppe: Xylella habe die Olivenbäume des Salento so hart getroffen, weil der Boden hier seit Jahrzehnten ausgelaugt werde und viel zu viele Unkrautvernichtungsmittel zum Einsatz kommen, kritisieren sie. Der Grundwasserspiegel sinke, der PH-Wert sei aus dem Gleichgewicht gebracht. Das Bakterium sei dann nur der Tropfen gewesen, der das Fass zum Überlaufen brachte.

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Böden anreichern, auf Chemie verzichten, für Biodiversität sorgen: Der Ansatz der Umweltgruppe

Statt die Wahrzeichen des Salento mit der Kettensäge zu vernichten, solle man ihnen Zeit geben; die Böden mit Mikroorganismen wieder anreichern und unter den Oliven nicht die kahle, nackte Erde herbei spritzen, sondern wie in alten Zeiten Baumwolle, Tabak oder Gemüse dazwischen pflanzen, um die Böden zu beschatten und den Wasserhaushalt zu normalisieren. Dann könnten die kranken Bäume genesen und der alte Salento bestehen bleiben. Statt auf Masse sollten die Bauern lieber auf Qualität setzen: Gutes, kalt gepresstes Öl, extra vergine, zu einem angemessenen Preis vermarkten. Denn China könne ohnehin niemand unterbieten. Stattdessen flächendeckend wieder Monokulturen mit nur zwei Sorten anzupflanzen, das sei keine Lösung, sondern schaffe nur neue Probleme in der Zukunft. 

Es ist eine Minderheitsmeinung, doch ein ganzes Team von ehrenamtlichen Wissenschaftlern wie Giorgio Doveri  steht hinter dieser und anderen Umweltgruppen. Eine erste Studie wurde veröffentlicht. Einzelne Bauern, die es nicht übers Herz bringen, ihre Olivenbäume zu fällen, richten sich nach diesen nachhaltigen Ratschlägen. Mit guten Erfolgen, sagen die Umweltschützer.

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