Klein, vielseitig und polyglott: Rundreise in vier Tagen durch Luxemburg

22. September 2021 | Luxemburg

Das winzig kleine Luxemburg mit seinen nur rund 600.000 Einwohnern wird neben den Großen Europas oft übersehen. Dabei ist es an sich schon eine Kuriosität: Das einzige Großherzogtum Europas, das hat irgendwie etwas Mittelalterliches, finde ich. Organisiert ist Luxemburg als parlamentarische Monarchie, es ist dreisprachig (deutsch, Französisch und Luxemburgisch, das wie ein süddeutscher Dialekt klingt) und war ein Gründungsmitglied nicht nur der Europäischen Union, sondern auch der Nato und der Uno.

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Das Schloss von Clerf/Clervaux beherbergt die „Family of Man“

Ich habe ein bisschen im Internet nach einer möglichen Route recherchiert und bin auf die Foto-Ausstellung „Family of Man“ gestoßen, die im Schloss von Clervaux gezeigt wird. Da ich Fotoausstellungen liebe, diese eine der größten weltweit ist, UNESCO-Weltdokumentenerbe, konzipiert in den 50er Jahren für das MoMa in New York und sie die emotionale Verwandtschaft aller Völker zeigen soll, ist Clervaux im Norden Luxemburgs mein erstes Ziel. Gut gelaunt und neugierig überquere ich in der Eifel die unscheinbare Grenze: Neue Länder zu entdecken, das ist einfach mein Ding!

Clerveaux ist ein hübsches Städtchen in einem bewaldeten Tal. Die Schlossburg kauert auf dem Hügel und beherbergt mit „Family of Man“ die erfolgreichste Fotoausstellung aller Zeiten: Nachdem sie 1955 im Museum of Modern Art eröffnet worden war, tourte sie als Wanderausstellung durch 38 Länder – und lockte sage und schreibe zehn Millionen Besucher an! Im Foyer verkaufen mir zwei missmutige, maskierte junge Männer, die sich offensichtlich in ihrem Job zu Tode langweilen, ein Ticket.

Das Konzept der Fotokunst: Nach dem Grauen und Gemetzel des Zweiten Weltkrieges Menschen aller Kontinente, Hautfarben und Einkommensschichten in den gleichen emotionalen Momenten zu zeigen: Glück, Trauer, Verlust usw.. Ich finde aber, dass arme und dunkelhäutige Mitglieder der Familie der Menschheit unterrepräsentiert sind. Und dass auf zum Beispiel Afrikaner ein rassistisch-kolonialistischer Blick geworfen wird. Die Fotografen begegneten ihren Protagonisten meinem Empfinden nach damals, in den 50er Jahren, nicht auf Augenhöhe. Das ärgert mich nach einer Weile so sehr, dass ich die Ausstellung leider nicht wirklich genießen kann, obohl einzelne Fotos wunderschön sind. Aber das ist natürlich ein individueller Eindruck und wahrscheinlich noch dazu ungerecht: Auch Fotografen sind immer Kinder ihrer Zeit.

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Weiter geht es nach Vianden, um die dortige Burg zu besichtigen. Es sind nur 30 Kilometer durch hügelige Waldlandschaft: Die Wege in Luxemburg sind naturgemäß kurz: Das Großherzogtum ist nur 81 Kilometer lang und 55 Kilometer breit. Die Gegend hier heißt putziger Weise Ösling und ist ein Teil der Ardennen. Die überall noch sehr lebendige Erinnerung an die Ardennenoffensive ist dann gar nicht mehr lustig: An dem Versuch der Wehrmacht, die Alliierten Im Winter 1944/45 zurück zu drängen waren eine Million Soldaten beteiligt. Allein auf US-amerikanischer Seite fielen 20.000 Mann. Die Museen und Ausstellungen dazu hier in Luxemburg sind in Vorgeschmack auf die Gedenkstätten an den Stränden der Normandie.

Auch das Dorf Vianden liegt in einem der tief eingeschnittenen Flusstäler der Ardennen. Hoch über den Restaurants am Ufer, den Kopfsteinpflastergassen und sanierten Bürgerhäusern thront die Schlossburg aus dem Mittelalter: „Geprägt von den Hohenstaufen handelt es sich bei dem Schosspalast um eine der größten und schönsten feudalen Residenzen der romanischen und gotischen Zeit in Europa“, schwärmt ein Flyer. Die Ausstellung ist fantastisch informativ: So sieht es aus, wenn ein Land das höchste Bruttoinlandsprodukt pro Kopf der Welt und viel, viel Geld für Kultur und Denkmalschutz übrig hat. Die Mittel für die Restaurierung der mächtigen Anlage selbst flossen allerdings zumeist aus EU-Fördertöpfen.

Nach so viel Geschichte und Kultur zieht es mich angesichts des schönen Spätsommerwetters in die Natur. Und zwar zum höchsten und berühmtesten Wasserfall des Landes, den Schiessentümpel an der Schwarzen Ernz.

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Kleines Land, kleiner größter Wasserfall: Der Schiessentümpel

Der schätzungsweise nur etwa 1,50 m hohe dreistromige Wasserfall liegt in der Kleinen Luxemburger Schweiz, dem Müllerthal. Früher schwer zugänglich und ein gefährliches „Land der Wölfe“, ziehen sich heute Wanderpfade an den mächtigen Granitfelsen längs. Leider ist heute Samstagnachmittag und es herrscht schwerer Andrang: Lärmende Wandergruppen machen Selfies am Wasserfall und ziehen dann mit einem solchen Radau durch die Wälder, dass ich große Mühe habe, ein einigermaßen ruhiges Fleckchen zu finden, an dem ich den Text für eine Reportage über Jägerinnen einsprechen kann. Zumal Autos und Motorräder die Serpentinenstraße herauf und herunter brettern und vor allem die Bikes infernalischen Krach machen.

Nach einer ruhigen Nacht auf dem Parkplatz eines Restaurants im Müllerthal komme ich am Sonntagvormittag in Luxemburg City an. Ich stelle den Van auf einen Campingplatz am Stadtrand und fahre mit dem Bus ins Zentrum zur Stadtführung.

Ich treffe ich einen netten Luxemburger, der keine Scheu hat, sich mitten auf der Straße spontan interviewen zu lassen. Während seine Frau schmunzelnd zuhört, erzählt er mir, dass Einwanderer aus Portugal die größte Minderheit sind und mittlerweile 15 Prozent der Bevölkerung stellen . Anfeindungen gebe es nicht, auch wegen des großen Wohlstandes der Mehrheitsgesellschaft (Krankenpfleger zum Beispiel verdienen 90.000 im Jahr, weshalb viele Deutsche aus der Grenzregion zur Arbeit nach Luxemburg pendeln). Hunderttausende dieser Berufs-Pendler kämen täglich über die Grenze, darum sei der öffentliche Nahverkehr kostenlos: Um die Leute vom Auto weg in Busse und Bahnen zu bringen. Er sei stolz auf die entspannte Toleranz in Luxemburg und die Dreisprachigkeit und eigentlich rundum zufrieden mit seiner Heimat, abgesehen von der allzu großen Macht der vielen Banken.

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Links in Gold: Der Europäische Gerichtshof EuGH

Mittlerweile sind sehr dunkle Regenwolken am Himmel aufgezogen und mir fällt ein, dass ich eine von Libertus Dachluken offengelassen habe: Blöde Idee. Darum breche ich die Stadtführung kurz vor Schluss ab, springe in den Bus und eile zurück auf den Campingplatz. Es regnet dann doch nicht, die dunklen Wolken ziehen vorüber, aber es sah nach einem Wolkenbruch aus.

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Volle Gasflasche und frische Wäsche in Fussekaul: Frankreich, ich komme!

Meine letzte Station in Luxemburg ist der Campingplatz Fussekaul, wieder eine knappe Stunde Fahrt nördlich der Hauptstadt: Das ist zwar ein kleiner Umweg auf dem Weg an die Küste des Ärmelkanals, aber mein Gas fürs Kochen neigt sich mal wieder dem Ende zu. Das Wiederauffüllen ist nach meinen Recherchen in Frankreich mühsam bis unmöglich, Fussekaul ist der einzige Campingplatz in ganz Luxemburg, der deutsche Flaschen füllt, also dorthin. Das klappt dann auch: Für zehn Euro ist mein Fläschchen wieder voll und es kann losgehen, nach Frankreich, an den Atlantik.

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