Sommer in Polen 1 – Die Pommersche Seenplatte

30. Juli 2021 | Allgemein

Der Weg von Potsdam/Berlin nach Stettin in Polen führt durch die Uckermark: So groß wie das Saarland, aber nur 120.000 Einwohner, tausende Seen, sanft rollende Hügel, Getreidefelder bis zum Horizont, Kopfsteinpflaster und Alleen: Eine strukturschwache Region, aber zauberhaft schöne Landschaft.

Unweit der A 11 nach Stettin, auf der Höhe von Angermünde, weiß die App „Landvergnügen“ den „Gasthof zum Grünen Baum“, der Campern ein Nachtquartier bietet. Der „Landvergnügen-Deal“ lautet ja: Stellplatz gegen Einkehr oder Einkauf, also gönne ich mir einen schönen Fischteller: Sehr lecker. Im Innenhof stehen wir zu dritt und wir Camper haben uns viel zu erzählen (Lithium oder Gel-Batterie? Trennklo oder Chemietoilette? Ist P4N Segen oder Fluch? Braucht man Allrad oder reicht Heckantrieb? Solche Fragen bewegen uns).

Am nächsten Morgen fahre ich mit etwas Bangen der deutsch-polnischen Grenze entgegen, aber  noch lässt die vierte Corona-Welle auf sich warten: Keine Kontrollen weit und breit. Am ersten Tag in Polen fahre ich nicht weit, sondern werfe schon in Chociwel Anker (früher Freienwalde in Pommern). Endlich ist es hochsommerlich heiß, der Hund hat sich mit seinem neuen Thron an der Klimaanlage noch nicht angefreundet und hechelt hinter unter dem Querbett vor sich hin.

Ich bin gespannt, ob die Polen noch so herzlich und hilfsbereit sind, wie ich sie in Erinnerung habe – und der Start könnte auch nicht besser sein: Das Hotel Palac nad Jeziorem hat einen Stellplatz gebaut, direkt am See von Chociwel, nur einen Steinwurf von der Badestelle entfernt. Maximilian ist hier der Chef. Und obwohl es Sonntag ist, er eine Hochzeit und eine Taufe im Hotel hat und ihm der Schweiß auf der Stirn steht, läuft er höchstpersönlich mit mir zum Stellplatz und zeigt mir alles.

Hier bleibe ich ein bisschen: Aus Deutschland habe ich noch viel Arbeit mitgebracht, die polnische SIM-Karte zickt etwas und lässt sich nicht frei schalten, es ist wunderschön und ruhig hier, der Se eist glasklar, ich gehe drei Mal am Tag schwimmen und man kann im kühlen Schatten alter Eichen den See umrunden. Warum also weiter hetzen? Ich komme auch gerne in einem fremden Land erst einmal in Ruhe an.

Nach drei Tagen ist das Internet-Problem dank „Magic Man“ gelöst: Ihm gehört der kleine Telefonshop im Ort. Der ebenfalls fließend Englisch sprechende Maximilian gibt mir zum Abschied seine Handynummer und meint, sollte ich irgendwo auf meinen Reisen durch Polen ein Problem haben, solle ich ihn anrufen, er würde helfen. Soooo nett! Maximilian sieht die nationalkonservative PIS-Partei und die Regierung in Warschau sehr kritisch. Vor allem, wegen deren mittelalterlichen Einstellung zur LGBT-Gemeinde in Polen. Maximilian hat nämlich schwule und lesbische Freunde und Freundinnen. Sagt aber, dass er leider keine Zeit für ein Interview habe, wegen Hochsaison und so. Eine Erfahrung, die ich noch öfter machen werde.

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Pommern – die Fortsetzung der Uckermark….

Im Hochsommer will ich die rappelvollen Ostseestrände meiden und fahre parallel zur Küste entlang der Pommerschen Seenplatte langsam nach Osten. Das frühere deutsche Hinterpommern ist der Uckermark sehr ähnlich: Hügel, Wälder, riesige Felder und zahllose Seen. Fast alle glasklar, ein Paradies für Wassernixen. Herrlich, morgens als erstes Baden zu gehen!

Weil die Pommersche viel unbekannter ist das die Masurische Seenplatte, ist sie auch im Juli nicht überlaufen. Und stehen kann man überall: Es gibt kleine, spottbillige Campingplätze, auf denen man für 20 Zloty direkt am Wasser campieren kann; viele Bauern bieten Plätze auf ihren Wiesen an.

Aber auch frei Stehen ist überhaupt kein Problem: Die Polen erweisen sich als große Freunde des Biwak (es gibt eine eigene App dafür: „Grupa Biwakowa“, auf Polnisch, aber selbsterklärend): Sie zelten,  campen und angeln an kleinen Feuerstellen mitten im Wald, für die man aber ein autarkes Vehikel braucht: Waschhaus oder Brötchenservice Fehlanzeige!

Am größten der Pommerschen Seen, dem Drawsko, stehe ich gemeinsam mit polnischen Campern an einer Anlegestelle mitten im Wald. Nach und nach kommen noch drei Segelboote, die hier ebenfalls für die Nacht festmachen. Ein junges Pärchen aus Danzig zeltet, wir alle zusammen sitzen abends am Lagerfeuer, teilen Würstchen, Wein und Bier und diskutieren die deutsch-polnischen Beziehungen. Alle sprechen super Englisch, doch mir fällt erst Tage später ein, dass ich ja mein Aufnahmegerät hätte holen können. Der Jahrzehnte lang zuverlässig funktionierende Themen-Radar in meinem Hirn schwächelt: Muss die Kombination von Sommerhitze mit süßem Weißwein sein.

Ende Juli stößt Mandy Raasch (www.movingroovin.de) zu mir. Wir treffen uns an einem Biwakplatz mitten im Nichts an einem See im Wald von Borne Sulinowo. Die Zufahrt ist etwas abenteuerlich, schmale Wege voller Birkenwurzeln und Sand, aber unsere VANTourer sind ja Kummer gewöhnt. Und es lohnt sich: Nur ein paar Kanuten und Angler sind hier, tiefer Friede ringsum. Das Internet funktioniert trotz der Abgeschiedenheit leidlich und so bleiben wir ein paar Tage, bis mir das Wasser ausgeht.

Wir ziehen ein paar Wochen zusammen durch Polen und finden schnell eine mühelose Balance zwischen Gemeinsamkeit und Raum für uns selbst. Es ist schön, so zu zweit unterwegs zu sein und ausnahmsweise mal nicht die alleinreisende Frau, das exotische Geschöpf (Standardfragen auf jedem Campingplatz: „Wo ist denn dein Mann?“ „Hast du allein keine Angst?“ Das nervt auf Dauer.)

Über Szczecinek (Neustettin), die größte Stadt der Seenplatte, arbeiten wir uns langsam aber sicher zur Frischen Nehrung vor. Mandy scheut den Trubel dort, aber meine Sehnsucht nach der sommerlichen Ostsee wird übermächtig: Ich will wieder ans Meer!

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Zu diesem Blog: „Zum Horizont“ ist in erster Linie ein digitales Notizbuch und die Vorbereitung für mein Buchprojekt „Guten Morgen Europa!“ (Arbeitstitel). Ihr findet hier keine Werbebanner, keine Links zu Amazon und ich teste auch keine Campingprodukte. Wenn ich Campingplätze, Quintas, Weingüter oder Bauernhöfe namentlich erwähne oder verlinke, dann weil die Geschichte dort spielt. Ich bekomme weder etwas umsonst, noch Preisrabatte. Ich bezahle wie jede/r andere auch, ganz normal. Falls mir doch einmal eine Winzerin zum Beispiel eine Flasche Wein schenkt und es zu unhöflich wäre, abzulehnen, dann schreibe ich das dazu. Meine journalistische Unabhängigkeit untergräbt das aber nicht. Wer Fragen zu bestimmten Stellplätzen, Routen oder der technischen Ausrüstung hat, kann sie mir gerne per Kommentar oder Social Media stellen. Viel Spaß beim Lesen!

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