Sommer in Polen 3 – Auf den Spuren der Geschichte in Gdansk/Danzig

2. August 2021 | Polen

Als ich vor Jahren mit dem Berliner Journalistenverband auf Pressereise in Warschau war, haben mich mehrere Dinge beeindruckt: Die moderne, sehr lebendige Stadt, die unglaubliche Hilfsbereitschaft und die Information, dass die Polen nach 1945 die fast komplett zerstörte Altstadt mit ihrer Hände Arbeit möglichst originalgetreu wieder aufgebaut haben. Obwohl sie in den Nachkriegsjahren ja weiß Gott andere Probleme hatten. Der polnische Nationalstolz: Da haben wir ihn wieder.

In Danzig war es ebenso: Vor seinen Toren, auf der Westerplatte, begann mit dem Angriff der Wehrmacht 1939 der Zweite Weltkrieg. In den letzten Kriegsmonaten legten sowjetische Truppen Danzig in Schutt und Asche: Sie sahen die heutige Hauptstadt der Woiwodschaft Pommern damals als deutsche Stadt an. In den 70er Jahren entstand die Altstadt neu. Die sozialistische Regierung hatte wohl kurz eine Neubebauung geplant, sich zum Glück dann aber doch für eine historische Restauration entschieden, erzählen mir Danziger. Kunsthistoriker meckern wohl zwar, dass nicht alles 100prozentig korrekt ist, aber die Altstadt von Gdansk ist in meinen Laien-Augen wunderschön. Die Zerstörung mag man gar nicht glauben.

Mandy ich haben die ungute Idee, an einem Sonntagnachmittag die Frische Nehrung zu verlassen. Es zeigt sich, dass viele andere auch diesen Plan haben: Wir stehen auf dem Sandstreifen im Stau. So ähnlich soll es auch auf der Halbinsel Hel oberhalb von Danzig sein: Schlimmer Andrang an sonnigen Wochenenden, vor allem von Kitefsurfern. Für die ist Hel nämlich DAS Mekka in Europa.

Am frühen Abend kommen wir in Danzig an und finden zwei Lücken auf dem ziemlich vollen Parkplatz am Hafen. Der hat nämlich den Charme, direkt neben der Altstadt zu liegen und kostenlos zu sein, sicher und nachts trotzdem ruhhig: Danke Danzig! Beim Hafenmeister kann man sogar duschen. Im Büro sitzt ein blutjunger Pole von Anfang 20, der sehr freundlich den Schlüssel verwaltet und fließend Englisch spricht.

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Neben dem Parkplatz ein Fressbuden-Markt, auf dem Veganerin Mandy lange suchen musste….

Am nächsten Vormittag treffe ich am Grünen Tor, einem der wiederaufgebauten prächtigen Stadttore, einen jungen Jurastudenten: Er gibt mir bereitwillig ein Interview über die PiS-Regierung (spaltet das Land, gefährdet Polens Zukunft), deren Flüchtlingspolitik und seine Einstellung zur Europäischen Union.

Aber er will kein Foto und auch seinen Namen nicht im Radio hören: Er befürchtet Nachteile, weil er sich kritisch äußert. Traurig. Der kluge junge Mann verkauft hier die Bernsteinringe an Touristen, die sein Vater im benachbarten Gdynia anfertigt. Danzig, Gdynia und das traditionsreiche Seebad Sopot (früher Zoppot) bilden zusammen die so genannte Dreistadt. Bernstein ist ein großes Thema hier, Tourismus auch: Es ist voll in der Altstadt.

Mandy macht eine Bootstour auf der Weichsel klar, die durch Danzig und um Danzig herum in die Ostsee fließt: Nach etwas Herumsuchen im Hafenviertel finden wir das alte, liebevoll restaurierte Holzboot.

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Im Werftenviertel herrscht ab und an noch Renovierungsbedarf

Veronika, etwa Mitte 30, die früher beim Theater war, schippert uns an riesigen Werften vorbei und erzählt: In den 1980er Jahren war Gdansk das Zentrum der oppositionellen Bewegung, die große Werft Wiege der Gewerkschaft Solidarnosc. Der Gewerkschaftsführer und ehemalige Präsident Lech Walesa genieße in Danzig immer noch hohes Ansehen, die PiS-Partei finde hier ihre größten Widersacher.

Veronika berichtet betrübt, dass die Spaltung pro oder contra PiS quer durchs Land und auch durch Freundeskreise und Familien gehe, auch durch ihre: Monate lang sprach sie mit ihrem Vater kein Wort, weil der das Abtreibungsverbot der rechtskonservativen Regierung guthieß. Mittlerweile reden sie wieder miteinander, aber sind übereingekommen, das Thema Politik tunlichst auszusparen.  

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Die Tucker-Tour führt auch an den alten Speichern der ehemaligen Hansestadt vorbei. Hier entsteht das neue Danzig: Die Speicher werden entkernt und saniert, moderne Apartments für die Reichen und Schönen gebaut: Die Mieten könne sich kein normaler Mensch mehr leisten, murrt Veronika. Gentrifizierung auch in Gdansk…

Zum Abschied schweben Mandy und ich mit dem Riesenrad am Hafen empor: Danzig liegt uns zu Füßen, die alte und die neue Stadt. Von hier oben sehen unsere beiden Vans ganz klein aus.

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Ich geb’s zu: Das Riesenrad hat es mir angetan

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Zu diesem Blog: „Zum Horizont“ ist in erster Linie ein digitales Notizbuch und die Vorbereitung für mein Buchprojekt „Guten Morgen Europa!“ (Arbeitstitel). Ihr findet hier keine Werbebanner, keine Links zu Amazon und ich teste auch keine Campingprodukte. Wenn ich Campingplätze, Quintas, Weingüter oder Bauernhöfe namentlich erwähne oder verlinke, dann weil die Geschichte dort spielt. Ich bekomme weder etwas umsonst, noch Preisrabatte. Ich bezahle wie jede/r andere auch, ganz normal. Falls mir doch einmal eine Winzerin zum Beispiel eine Flasche Wein schenkt und es zu unhöflich wäre, abzulehnen, dann schreibe ich das dazu. Meine journalistische Unabhängigkeit untergräbt das aber nicht. Wer Fragen zu bestimmten Stellplätzen, Routen oder der technischen Ausrüstung hat, kann sie mir gerne per Kommentar oder Social Media stellen. Viel Spaß beim Lesen!

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