Bella Bellagio

13. September 2020 | Allgemein

Zwei Tage bleibe ich auf „La Fornace“: Morgens im Bett höre ich auf der Uferstraße gleich hinter meiner Hecktür das Sausen von Rädern und fröhliche Stimmen: Es ist Samstag und Rennradfahren ist ein beliebtes Hobby in Italien, vorzugsweise mit einer Gruppe Freunde und im Dauergespräch. Italiener lieben es wirklich, zu quatschen! Und das mit einer Verve und in einer Lautstärke, dass unerfahrene Teutonen glauben, Zeuge einer Auseinandersetzung zu sein, dass man die Carabinieri rufen muss, weil gleich Blut fließt. Aber nein: Sie unterhalten sich nur, temperamentvoll eben. Und gerne auch am frühen Morgen in enger, farbenfroher Kluft und bunt behelmt auf dem Rad durch idyllische Landschaft sausend.

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Die Angler sind auch schon früh auf

Eigentlich wollte ich nur eine Nacht bleiben und dann weiter. Aber ich merke, dass ich erstmal ankommen muss. Täglicher Umzug inklusive Stellplatzsuche ist mir zu anstrengend. Bis man erstmal das ganze Geraffel wieder verstaut hat… Soo viele Badestellen gibt es am Comer See auch nicht: An den Berghängen kleben pittoreske Dörfer, viel Platz für Strände bleibt da nicht. Das Nette an Campingplätzen sind außerdem (neben Duschen und Waschmaschinen) die Nachbarn: Es finden sich immer welche, die sympathisch sind und auf der gleichen Wellenlänge funken.

Am Sonntagmittag fahre ich dann aber weiter, wenn auch nur ein paar Kilometer, nach Bellagio. Das liegt genau dort, wie die beiden Arme des Sees sich treffen. Etwas oberhalb von Bellagio führt eine schmale Einfahrt vom Bergsträßchen zum Ehepaar Clarke: Briten, die auf einer großen Wiese mit traumhafter Aussicht auf den See, Bellagio und die Berge ein paar Stellplätze für Zelte und kleine Wohnmobile anbieten. Mr. Clarke werkelt im Garten, Mrs. Clarke empfängt mich zunächst mit einer stiff upper lip und der strengen Ermahnung, den Hund nicht von der Leine zu lassen, taut dann aber auf.

Bella Bellagio 2

Eh egal: Die Umgebung ist traumhaft: Dichte Wälder wachsen die Berghänge hinauf, Bächlein plätschern, Wasserfälle rauschen. Kinu hatte am Rand der Uferstraße nicht viel Auslauf, also klettern wir eine ganze Weile bergan.

Das schweißtreibende Unterfangen bei fast 30 Grad wird mit einem herrlichen Rundumblick über den Comer See und Bellagio belohnt. Dort unten am Ufer reihen sich prächtige Villen der Reichen und Schönen, nicht wenige mit Hubschrauberlandeplatz.

Mitte September hat der Herbst in der Lombardei Einzug gehalten: Ein goldener Schimmer liegt in der sommerwarmen Luft. Auf der Straße in die Berge herrscht viel Ausflugsverkehr, Motorräder jaulen durch die Serpentinen: Ich verschiebe den Ausflug nach Bellagio auf morgen.

Am nächsten Tag kurve ich etliche Runden durch das Örtchen und bin schon kurz davor, aufzugeben und weiter zu brausen, als ich etwas außerhalb endlich einen Parkplatz finde, der groß genug für den Grauwal ist. Und auf dem Camper stehen dürfen: Den riesigen, komplett leeren Parkplatz am Seeufer ziert ein unfreundliches Schild: Nur für Autos, Wohnmobile verboten. Auf Camper ist man hier am schicken Lago di Como eindeutig nicht besonders scharf.

Ich muss einkaufen, die Vorräte aus dem Schwarzwald sind aufgegessen. Zwei nette Frauen nehmen mich mit: Sie wollen auch zum Supermarkt. Drinnen erleide ich einen Anfall von Kaufrausch: Prosciutto, Salami, Honigmelone und Käse: Es sieht alles so lecker aus! An der Kasse stellt sich leider heraus, dass ich Obst und Gemüse vorher hätte wiegen müssen. Die einzige Kassiererin flitzt mit meinen Tüten los und erledigt das für mich. An der Kasse bildet sich derweil hinter mir eine Schlange, aber die einzigen, die genervt mit den Augen rollen, sind andere deutsche Touristen. Die einheimischen KundInnen greifen stattdessen zum Telefonino und rufen mal eben die Mamma an.

Schnell zurück zum Van, die Einkäufe in den Kühlschrank verstauen. Um dessen Stromverbrauch muss ich mir hier keine Sorgen machen: Die Sonne knallt auf „Libertus“ Dach und die kleine Solarfabrik da oben liefert jede Menge Stromlinge.

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Der kleine Hafen von Pescallo

Es ist ein ganz schöner Fußmarsch durch das lauschige Fischerdörfchen Pescallo, viele Treppen hoch über einen Hügel und dann wieder hinunter durch die engen Gassen der Altstadt von Bellagio, die gesäumt sind mit teuren Touri-Geschäften. Am Ufer des Lago di Como liegt ein Restaurant neben dem anderen. Fähren kommen aus den ebenso hübschen Orten auf der anderen Seite des Sees und aus Como. Hier ist auch in diesem Corona-Herbst ganz schön viel los.

Ich flüchte über die blumengesäumte Uferpromenade in die Gärten der Villa Melzi. Riesig, mit cremeweißer Fassade und herrschaftlichem Treppenaufgang liegt sie direkt am See. Die neoklassizistische Villa wurde im Auftrag von Francesco Melzi d’Eril gebaut, Herzog von Lodi und Vizepräsident der von Napoleon gegründeten Italienischen Republik (1802–1805). Die Villa ist bis heute in Privatbesitz.

Noch ein Stückchen weiter am See entlang gibt es einen öffentlichen Strand, mit Strandbar, Anleger und einem großen, im Lago dümpelnden Holzfloß zum Sonnen: herrlich! Der Hund wirft sich im Schatten hin und auch ich brauche jetzt dringend eine Abkühlung. Gottseidank habe ich Bikini und Handtuch mitgenommen: hurra!

Als ich ermattet und fußlahm wieder am kochend heißen Van ankomme, ist es schon später Nachmittag. Leider ist bei den Clarkes kein Platz mehr frei: Die Wiese ist voll mit Zelten und Camper-Vans, so ein Mist. Ich bin kaputt, habe keine Lust mehr herum zu suchen und fahre kurzerhand durch die Berge noch einmal zum Campingplatz Class an dem ruhigen Lago di Pusiano.

Sind ja nur 30 Kilometer, denke ich. Aber die haben es in sich! Die schmale Straße windet sich in Haarnadelkurven bergan, so eng und dermaßen steil, dass ich dauernd in den ersten Gang zurückschalten muss. Während der Motor aufheult und der Gegenverkehr sich verschreckt an den Abgrund quetscht, schlage ich drei Kreuze, dass ich „nur“ einen Sechs-Meter-Kastenwagen fahre und kein weißes Schlachtschiff von sieben oder acht Metern. Ich weiß nicht, wie die hier klarkommen. Wie hatte der freundliche Mr. Clarke gemeint? „If you can drive here, you can drive everywhere!“

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