„La Serenissima“: Ach, Venedig….

27. September 2020 | Italien

Nachdem ich von Bergamo nach Codogno durch endlose Kreisel gerollt bin, steuere ich von Mantua nach Venedig zum ersten Mal ganz bewusst die Autobahn an. An der Mautstelle gelingt es mir sogar relativ schnell zu begreifen, wie ich an ein Ticket komme. Das liegt auch daran, dass ein faustgroßer roter Knopf zu drĂŒcken ist: Das kapieren sogar Automatenlegastheniker wie ich. Die Autobahn ist ihr Geld wert: Super ausgebaut, ratzfatz ist man durch die Po-Ebene durch und die ersten „Venezia“-Schilder tauchen auf.

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Ich fahre um die Neustadt auf dem Festland herum einen Bogen, durch ein ödes HafengelÀnde zum Campingplatz Fusina. Von dort aus kann man die FÀhre zur Altstadt in der Lagune nehmen. Es ist schon fast Oktober: Fusina ist halb leer, frau kann sich hinstellen, wo sie möchte (muss aber auch auf Sahnetorten in GolfwÀgelchen verzichten).

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Blick aus dem SchiebetĂŒrfenster. Am Horizont: Venedig

Ich wĂ€hle einen Platz auf einer Wiese fast direkt am Wasser der Lagune. Dort drĂŒben liegt das sagenumwobene Venedig, „La Serenissima“, die „Allerdurchlauchteste“, erbaut auf 100 sumpfigen Inseln, verbunden mit hunderten BrĂŒcken. Markusplatz, Dogenpalast, SeufzerbrĂŒcke, KanĂ€le, Gondeln: Die rotbraunen DĂ€cher der einst mĂ€chtigen Seestadt funkeln am Horizont in der Sonne, die ab und zu durch die Wolken bricht. Aufregend! Und derzeit drĂ€ngen sich hier keine Kreuzfahrtschiffe, die sonst die Luft verpesten, die Lagune belasten und mit tausenden Tagestouristen die Gassen verstopfen.

Schnell etwas kochen und dann ab zum FĂ€hranleger: Venedig sehen. Das Boot tuckert ĂŒber die Adrialagune, Kinu reckt die Nase in die Luft, schnuppert er die Millionen von HolzstĂ€mmen, die die Stadt im Lagunengrund verankern?

An den Docks vor der Altstadt liegt eine riesige Privatjacht, dann kommen uns die ersten Wasserbusse entgegen, die Anlegestelle Zattere nÀhert sich, die FÀhre legt an, wir sind da!

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Der Canal Grande schlÀngelt sich durchs centro storico

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Stunden lang laufe ich ĂŒber BrĂŒcken, an KanĂ€len entlang, durch enge Gasen, ĂŒber kleine PlĂ€tze. Es kommt mir voll vor, doch beim Rotwein in einer kleinen Bar erfahre ich, dass es sonst um diese Zeit 80 Prozent mehr Touristen sind. Wahnsinn.

Bis ins 16. Jahrhundert war Venedig eine der reichsten und wichtigsten HandelsstĂ€dte der Welt, bis Ende des 18. Jahrhunderts Hauptstadt der Republik Venedig, eine der grĂ¶ĂŸten StĂ€dte Europas. Heute leben von den 260.000 Venezianern rund 50.000 im centro storico. ErdrĂŒckt vom Massentourismus, doch der hat in diesem Jahr Pause.

Was soll man von Venedig erzĂ€hlen? Alles ist gesagt: Das Leben findet auf dem Wasser statt, inklusive UmzĂŒge, Post, Krankenboote, Taxis: alles schwimmt. Die Stadt ist in Stein gegossene Schönheit, ich weiß, dass sie totfotografiert ist, dass es alle diese Bilder schon gibt, doch ich kann nicht an mich halten.  Da mĂŒsst Ihr jetzt durch oder runter scrollen.

Die Gondoliere finden die relative Ruhe in Venedig nicht so gut…

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Gondeln stillgelegt
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oder sie werden repariert
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Hier ist auch keiner, immerhin aber Taube und Löwe…
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Immer schön vorsichtig mit der raren Kundschaft…
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Voller EindrĂŒcke nehme ich eine der letzte n FĂ€hren zurĂŒck nach Fusina, ĂŒber die sich im DĂ€mmerlicht verdunkelnde Lagune…

Am nĂ€chsten morgen weckt mich ein Dröhnen: Es stellt sich heraus, dass der Campingplatz direkt neben dem Hafen liegt: Schlepper tanzen Wasserballett, große Pötte ziehen vorbei.

Hunderunde, Duschen, Kaffeetrinken und ab zur FĂ€hre: Venedig zieht in den Bann, ich habe noch lĂ€ngst nicht genug gesehen, war gestern noch gar nicht am Canal Grande, habe ihn nicht auf der RialtobrĂŒcke ĂŒberquert und war noch nicht auf dem Markusplatz.

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Außerdem bin ich auf dem Campo Santa Maria Formosa mit Ute verabredet:  Sie hat hier in der NĂ€he eine Wohnung, fĂŒhrt Touristengruppen durch die Stadt und hat ein sĂŒĂŸes Kinder-Fotobuch ĂŒber Venedig gemacht. Wenn es nach den UmweltschĂŒtzern geht, erzĂ€hlt Ute bei einem caffe auf dem Campo, dann bleiben die dieselstinkenden Kreuzfahrtschiffe auch kĂŒnftig weit draußen vor der flachen Lagune: Venedig ist fĂŒr die Ozeanriesen nicht gemacht, die fĂŒr sie ausgebaggerten tiefen Fahrrinnen verstĂ€rken die Strömungen in der Lagune, die Stadt hat von den Tagestouristen kaum etwas, die meist an Bord essen und trinken und höchstens mal ein Souvenir kaufen.

WĂ€hrend wir plaudern, dreht Kinu plötzlich durch: Erst Bergamo besichtigen, dann Mantua, jetzt latscht er schon den zweiten Tag an der kurzen Leine bei Fuß durch Venedig, es ist spĂ€tsommerlich warm, Tauben jagen darf er nicht – der Frust ist so groß, dass der sonst friedliche Hund sich aus dem Nichts auf einen pelzigen Artgenossen stĂŒrzt, der arglos vorbeilĂ€uft. Gebell, Geschrei, Fellfetzen fliegen ĂŒber den Campo, unseren Tisch reißt es fast um. Herrchen und Frauchen des Opfers sind entsetzt, was fĂŒr eine Bestie ich da nicht unter Kontrolle hĂ€tte, sie schimpfen und sie haben recht, Erdboden tue dich auf! Gottseidank ist kein Loch in dem anderen Hund, alle drei gehen schließlich weiter. Es wird Zeit, die Zelte abzubrechen, Kinu muss mal wieder irgendwo freilaufen und Gas geben dĂŒrfen. Doch morgen einen Vormittag noch: Venedig!

Die Sonne kommt heraus und taucht die alte Stadt auf dem Wasser in grĂŒn-goldenes Licht.

ZurĂŒck an der Anlegestelle sinniere ich: Venedig ist wunderschön, doch wohnen wollte ich hier nicht: Die Gassen schmal und dĂŒster, die KanĂ€le grĂŒn und finster, die Wohnungen sicher dunkel, feucht und irrsinnig teuer. Und vor allem liegt ĂŒber der ganzen Stadt eine melancholische Grundstimmung. Als wĂŒsste „La Serenissima“, dass ihre Tage trotz Hochwasserschutz gezĂ€hlt sind. Weil ihr eigenes Gewicht und das ihrer ruhmreichen Vergangenheit sie unaufhaltbar in den Schlamm der Lagune drĂŒckt.

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