Streicheleinheiten und jede Menge Giga: Tag eins in Italien

10. September 2020 | Allgemein

Auf dem Parkplatz an der Viale Aldo Moro in Como steht ein weißes Wohnmobil neben mir, das über und über beklebt ist mit den Namensschriftzügen der Städte, in denen die Bewohner schon waren, es sind Dutzende. Die Flanke ziert ein auffliegender Vogelschwarm, schwarze Folie, sieht schön aus, könnte ich mir auch mal anschaffen, so etwas. Aber erst einmal muss ich ein dringendes Problem lösen: Internet. Ich brauche so schnell wie möglich eine italienische SIM-Karte mit möglichst großem Datenvolumen für meinen kleinen Huawei-Router, den Ausbauer Vasco Wippermann weiland in Seelze so liebevoll mit Klett in einen der Hängeschränke geklebt hat. Denn ohne Giga bin ich arbeitslos, kann weder recherchieren, noch Beiträge überspielen, noch Übernachtungsplätze finden.

Also den Parkautomaten füttern und los in die heißen Straßen von Como, der arme Hund muss mit: Im Van kann er nicht bleiben, auf dem Parkplatz gibt es weit und breit keinen Schatten. Auf dem Handy zeigt google-Maps mir einen Vodafone-Laden in der Altstadt, der ist nicht weit, aber zu: Mittagspause. Also schlendere ich durch elegante Einkaufsstraßen, an sandfarbenen Fassaden der Altbauten vorbei, durch die schick sanierte und herausgeputzte historische Innenstadt, über Piazzi, auf denen ItalienerInnen in luftigen Sommerkleidern in fröhlich plaudernden Gruppen zu Mittag essen, einen Aperitif oder Espresso trinken. Noch hat die zweite Corona-Welle Italien nicht erreicht, es ist die Ruhe vor dem Sturm.

Unten am Seeufer weht eine erfrischende Brise, dank der Fallwinde aus den Voralpen. Auf den Bänken an der Promenade sitzt wegen des Seuchenschutzes immer nur eine Person, die Menschen tragen Maske und halten Abstand, auf eine lässige, selbstverständliche Art. Am Ufer des Lago di Como reiht sich Villa an Villa: früher die Familiensitze der im Seidenhandel reich Gewordenen, heute exklusive Herbergen für betuchte Touristen. Eine Seilbahn führt auf den gegenüberliegenden Berggipfel. Blumen blühen, Boote schippern übers blaue Wasser: Ein oberitalienisches Idyll.

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Als die Geschäfte wieder öffnen, stehe ich prompt bei Vodafone vor der Tür. Der maskierte junge Angestellte, lang und dünn, springt mit gezogener Waffe auf mich zu und zielt auf meine Stirn: Schreck lass nach! Doch nein, er will nur die Temperatur messen, bittet mich dann freundlich herein und siehe da: All meine Hoffnungen erfüllen sich aufs Schönste: Prepaid, ohne Knebelvertrag, 50 GB für 12,99 im Monat: Ha! Schnell hat mein Held mir auch noch einen codice fiscale gebastelt, eine Steuernummer, ohne die man hier zu Lande weder eine SIM-Karte noch ein Auto oder eine Wohnung kaufen kann. Die Karte baut er gleich in den Router ein und aktiviert sie. Und will es erst gar nicht glauben und freut sich dann, als ich ihm erzähle (fließend Englisch kann er auch!), dass in Deutschland das Angebot unvergleichlich schlechter und Italien hier mal der Vorreiter ist.

Ein Problem gelöst, fehlt noch die Bialetti: Den Kaffee wie zu Großmutters Zeiten im Filter aufzubrühen, das hat sich als wenig erfreulich herausgestellt, Schluss damit, ich will einen original italienischen Espressokocher. Vor einem Haushaltsgeschäft lasse ich Kinu im Schatten warten und stöbere drinnen zwischen Dutzenden von Schraubkännchen in allen Farben und Größen herum. Als ich schätzungsweise 15 Minuten später wiederkomme, finde ich den Hund von einer Gruppe aufgeregt diskutierender junger ItalienerInnen umringt: Ein dunkel gelockter Adonis kniet neben ihm auf dem Kopfsteinpflaster und liest gerade meine Handynummer ab, die in einen Anhänger am Halsband eingraviert ist. Sie glaubten das arme Tier ausgesetzt, verlassen und verirrt. Ich kann sie beruhigen. Und bin freudig überrascht von dieser Tierliebe und dem Mangel an Gleichgültigkeit. Eine Bialetti sei eine gute Wahl, versichert der Schöne mir noch, dann schlendern sie weiter.

Zurück auf dem Parkplatz ist es immer noch Nachmittag, Zeit genug, einen lauschigeren Platz für die Nacht zu suchen. Freistehen ist rund um Como schwierig: Die Straßen sind schmal, die Berghänge steil, Platz gibt es wenig und erwünscht ist das wilde Campen im Tourigebiet auch nicht. Ermattet von der Fahrt habe ich auch keine Lust auf Stress an der Schiebetür und konsultiere darum mit Hilfe der funkelnagelneuen, tatsächlich anstandslos funktionierenden SIM meine Camping-Apps auf dem Ipad. Am Comer See gibt es nicht allzu viele Campingplätze, doch der hier klingt gut: Camping Class am Lago di Pusiano, ein Stück weiter östlich, etwas weg vom Getümmel, gut, um erst einmal anzukommen, durchzuschnaufen und Wäsche zu waschen.

Das Navi, das ja davon ausgeht, dass ich einen Kleinwagen fahre, schickt mich die Berge hoch durch winzige Dörfchen über enge, gewundene Sträßchen. Doch nach einer halben Stunde ist es geschafft, der Campingplatz gefunden und ein schöner Stellplatz nahe am Ufer ist auch noch frei. Ich gehe noch eine Runde schwimmen, mit Blick auf die Berge, die in der Abenddämmerung schemenhaft bläulich schimmern, dann ist Feierabend.

Streicheleinheiten und jede Menge Giga: Tag eins in Italien 2
Schöner Stellplatz auf dem Campingplatz Class: Hat Klasse
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Der erste Abend in Bella Italia neigt sich am Lago di Pusiano dem Ende zu

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