Sprung nach Süden: Banges Warten in der Algarve

24. November 2021 | Allgemein

Nicht nur das Gas ist alle, auch das Hundefutter neigt sich dem Ende zu. Einfach in den Laden gehen und Neues holen ist nicht: Das Tier ist als Welpe fast verhungert, nennt ein schwer angeschlagenes Verdauungssystem sein Eigen und verträgt nur und ausschließlich hochwertiges, solo-Proteinfutter auf der Basis von Pferdefleisch. Leider. Der Versuch, ihn auf ein teures portugiesisches Hypo-Allergen-Futter aus Lachs umzustellen, geht im wahrsten Sinne des Wortes nach hinten los. Also auf an die Algarve: Dort kann ich mir einen Stellplatz mit Postadresse suchen, Futter aus Deutschland schicken lassen und die deutsche Gasflasche auffüllen lassen. Ich wäre aber gerne noch in Zentralportugal geblieben: Hier gibt es so viel zu sehen.

Ausnahmsweise fahre ich auf die mautpflichtige Autobahn. Denn knapp 400 Kilometer auf holprigen Nebenstraßen durch Dörfer und Kreisverkehre: Lieber nicht. In Frankreich und Spanien waren die Nebenstraßen auch gut ausgebaut, man kam mautfrei schnell voran, das ist im armen Portugal anders.

Die A2 ist als „Algarve-Autobahn“ ausgeschildert, führt im sanften Bogen an Lissabon vorbei, durch den menschenleeren Alentejo („Jenseits des Tejo“ = am Ende der Welt). Auf der super ausgebauten Piste könnte man Picknick machen: Außer mir ist niemand unterwegs. Alle halbe Stunde überhole ich mal einen ausländischen Lastwagen, in den ganzen drei Stunden kommen mir vielleicht vier oder fünf Autos entgegen. Einsame Olivenhaine links und rechts der A 2, ausgestorbene, verlassene Gegend, hügelig und schön. „Das wird ein übles Ende nehmen“, denke ich mir. Und so kommt es dann auch: Kurz vor der Ausfahrt Faro wird man an der Mautstation zur Kasse gebeten – und wie: Die freundliche Frau im Kassenhäuschen möchte bitte 41 Euro haben, autsch.

In Boliqueime an einer kleinen und etwas abgeranzten Autowerkstatt mit LPG-Tankstelle spricht die Chefin fließend Englisch (wie viele hier an der Algarve, übler Massentourismus hat auch seine bequemen Vorteile). Ihr stark tätowierter Gatte füllt mein Gasfläschchen innerhalb von Minuten auf (6 Euronen, günstiger war es bislang nur in Polen (4,-), in Cecina/Italien wollten sie 20,- haben). Die seltene Auffüllmöglichkeit war ein Tipp von Doreen von www.Kasteninblau.de, deren Food-Blog ich verfolge. Wie sich noch zeigen wird, bleibt es nicht ihre einzige Hilfestellung.

Ermattet von der für mich ungewohnten langen Fahrt steuere ich per App einen kleinen, ganz neuen privaten Stellplatz in einem Olivenhain ganz in der Nähe an. Der ist so neu, dass er noch im Aufbau und gar nicht geöffnet ist. Aber ich darf trotzdem bleiben: ist schließlich Portugal hier, da sieht man alles nicht so eng. Eine Hunderunde in der Dämmerung und dann ab ins Bettchen, Füße hoch. Mit wohlig-warmen Gedanken an eine brodelnde Bialetti auf einer munter flackernden Gasflamme morgen früh schlummere ich ein. Etwas früher als geplant am Zwischenziel meiner diesjährigen Überwinterung angelangt.

Am nächsten Morgen breche ich früh auf: Kai, den ich vergangenen Herbst am Garda-See kennen gelernt habe, empfiehlt einen Stellplatz bei Armacao de Pera, auf dem er im vergangenen Lockdown-Winter Wochen verbracht und sich sehr wohl gefühlt hat. Beim ersten Anblick bin ich aber geschockt: Nicht nur hat man in Armacao ganz besonders mit den Betonmischern gewütet und Hochhaus-Apartmentblöcke an die Küste geklotzt, sondern der Stellplatz ist auch proppenvoll.

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So viele Wohnmobile, Hilfe, Massentierhaltung ist ja eigentlich so gar nicht mein Ding. Der Andrang hat Gründe: Campingboom, zusätzlich befeuert von Corona. Portugal hat das Freistehen unter Strafe gestellt, weil es einfach zu viel wurde und manche Camper sich nicht benehmen können, Müll und Kot hinterlassen und so das Freistehen für alle kaputt machen (herzlichen Dank auch). Und drittens kann man heuer nicht von Spanien aus nach Marokko, die Fährverbindungen sind eingestellt. Und viele Marokkofahrer suchen die Wärme und landen hier. Die Algarve ist nämlich neben der Gegend um Málaga in Südspanien im Winter die wärmste Ecke Europas.

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Großer Andrang weil schön warm im Winter: Die Algarve

Weil man sich an den Algarve Camping Car Park Pakete schicken lassen kann, bleibe ich trotzdem. Und entdecke nach und nach den Liebreiz dieses Platzes: Zwei französische Familien betreiben ihn und Elodie und Romy haben sich mit der Deko viel liebevolle Mühe gegeben. Die einzelnen Plätze sind einigermaßen groß, man steht nicht in Reih und Glied, drumherum liegen Olivenhaine, so dass man mit dem Hund eine nette Runde drehen kann.

Und die Stimmung ist gut und kommunikativ: Jeder redet mit jedem, die Besitzer eines weißen Zehn-Meter-Schlachtschiffes mit Anhänger für den Kleinwagen plaudern am Spülbecken mit dem zauseligen Surfer im uralten VW-Bus, der normalerweise irgendwo wild und für lau am Strand herumstehen würde. Ich freunde mich mit meinen sehr sympathischen holländischen Nachbarn an, mit einem jungen deutsch-portugiesischen Paar in einem alten gelben Postauto, der Besatzung eines ausgebauten roten LKW mit Kieler Kennzeichen.

Hannah aus Großbritannien steht eines Tages plötzlich neben mir: Sie habe ich am ersten Tag in Portugal bei Hugo auf der Wiese kennen gelernt. Wir wollen zusammen wandern gehen, aber sie ist sehr ambitioniert. Ich selbst könnte ja locker knapp 30 Kilometer, aber der arme alte Hund muss geschont werden… Dann kommt Udo, weißer Kastenwagen, den ich in Coimbra kurz getroffen habe und ein Pärchen, das ich 2020 am Comer See traf: Wer lange genug an der Algarve sitzt, sieht sie scheint‘s alle aus dem Norden einfliegen.

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Bausünden (der Vergangenheit?) in Armacao de Pera

Auch der Touristen-Ort gewinnt auf den zweiten Blick: Der Strand ist wunderschön, es gibt einen netten Wochenmarkt,  eine kleine Markthalle mit sehr sympathischen Fisch- und Gemüsehändlern. Und gegenüber einen Sikh mit schmuckem Turban, der mir unbegrenztes Internet im schnellen Vodafone-Netz verkauft, für einen Euro am Tag. Und mir seine Auswanderungspläne nach Baden-Württemberg darlegt: Dort sei alles besser als in Portugal, hier müsse man in der Notaufnahme drei Stunden lang warten. Den Zahn versuche ich ihm zu ziehen mit einem anschaulichen Bericht, wie ich nach einem Kellersturz mit gebrochenen Rippen und Lungenriss sieben Stunden in der Notaufnahme warten musste. Er ist nicht überzeugt: Das könne doch nicht sein, in Deutschland sei doch alles perfekt…. Wir vereinbaren, das Gespräch ein andermal fortzusetzen.

Ich bleibe also und warte auf das Paket mit dem lebenswichtigen Hundefutter. Und warte. Und warte…. Es kommt nicht an, bleibt in der Paketverfolgung eine Woche lang verschwunden, taucht dann in Portugal auf, aber DHL kann es nicht zustellen (Adresse unbekannt) und schickt es anscheinend nach Lissabon zurück und von dort aus zurück nach Deutschland.

Gleichzeitig schwinden die letzten Futtervorräte von Tag zu Tag dahin. Es ist zum Verzweifeln. Da ich ja ein kleines bisschen zu Kopfkino neige, und Kinu schon verhungern sehe, mache ich in den entsprechenden Facebookgruppen für Deutsche und Wohnmobilisten in Portugal mobil. Viele gute Ratschläge prasseln auf mich ein, drei Leute starten in Deutschland demnächst ihre Tour in den Süden und bieten an, Futtersäcke mitzubringen. Manchmal sind die so genannten sozialen Netze wirklich sozial: So viel Hilfsbereitschaft wärmt das Herz.

Und Doreen und Sven von www.Kasteninblau.de klemmen sich hinter die Paketverfolgung wie eine professionelle Detektei und ertragen geduldig meine zunehmend gestressten täglichen Anrufe.  Die beiden treiben sich mit ihrem Van schon Jahre lang in Portugal, Spanien und Marokko herum und haben einschlägige Erfahrungen mit dem leidigen Paketversandt gesammelt.  Sie kennen alle Tricks und machen mir immer wieder Mut, dass die rettende Post schon noch eintrudeln wird.

Und tatsächlich: Eines schönen morgens jubelt meine Tracking-App: „Ihre Sendung ist bereit zur Zustellung!“ Gottseidank! Auf wundersamen Wegen hat DHL den hoffnungslosen Fall an die portugiesische Post CTT übergeben, die hat es nach Albufeira geschickt und nun auf das Zustellauto geworfen, weiß die App AfterShip. Jetzt bleibt nur beten und hoffen, dass der Fahrer den Stellplatz kennt/findet/finden will. Und tatsächlich: Er kommt am Mittag und bringt das vom Bruder vor fast zwei Wochen liebevoll bestückte Paket mit Futter für die nächsten Wochen – hurra! Was für eine Erleichterung…. Vanlife: Manchmal ganz schön anstrengend.

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Zu diesem Blog: „Zum Horizont“ ist in erster Linie ein digitales Notizbuch und die Vorbereitung für mein Buchprojekt „Guten Morgen Europa!“ (Arbeitstitel). Ihr findet hier keine Werbebanner, keine Links zu Amazon und ich teste auch keine Campingprodukte. Wenn ich Campingplätze, Quintas, Weingüter oder Bauernhöfe namentlich erwähne oder verlinke, dann weil die Geschichte dort spielt. Ich bekomme weder etwas umsonst, noch Preisrabatte. Ich bezahle wie jede/r andere auch, ganz normal. Falls mir doch einmal eine Winzerin zum Beispiel eine Flasche Wein schenkt und es zu unhöflich wäre, abzulehnen, dann schreibe ich das dazu. Meine journalistische Unabhängigkeit untergräbt das aber nicht. Wer Fragen zu bestimmten Stellplätzen, Routen oder der technischen Ausrüstung hat, kann sie mir gerne per Kommentar oder Social Media stellen. Viel Spaß beim Lesen!

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